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Kategorie: Allgemeine News, CD

CD “Bonelab” von "The Bone Society"

Solisten: Ian Bousfield, Massimo La Rosa, Stefan Schulz, Joseph Alessi und Jeroen Mentens

Von Holger Suerken

Das Warten auf die Ernte dieses ambitionierten cloud-funding-Projekts hat sich gelohnt. The Bone Society (Mitglieder: Jeroen Mentens, Jan Nicolaers, Maarten Lowel, Lode Smeets, Rob Cuppens, Maarten Bruyninckx, Wim Lauryssen, Erwin Kelchtermans, Luc Thys) wartet mit Ihrer ersten CD auf, die schon von der Besetzung her kaum zu toppen ist, denn wann gab es eine Auswahl derzeitiger Spitzenposaunisten als gefeaturete Solisten auf einer CD: Ian Bousfield, Massimo La Rosa, Stefan Schulz, Joseph Alessi und Jeroen Mentens. Was geboten wird, ist eine Zusammenstellung von Stücken für geradezu sinfonisches Posaunenensemble, allesamt Stücke, die zum Hauptgang und nicht zu den Hors d‘œuvres (franz. Vorspeisen) gehören.

Den Einstieg bildet die namensgebende Auftragskomposition Bonelab, die The Bone Society an den belgischen Komponisten Kevin Houben (*1977) vergeben hat. Das Ergebnis ist eine Ouvertüre, die im dialogischen Prinzip in allen Stimmen große technische Herausforderungen bereithält. Fast filmisch wirkend, lässt es einen programmatischen Hintergrund erahnen, der in jeder Stimme alle Facetten der Posaune fordert. The Bone Society liefert eine Interpretation, die nicht allein auf Klangkunst, Virtuosität und Spannung setzt, sondern auf beste klassische Ensemblemusik, die das Werk ins Zentrum des Könnens setzt. Damit ist die Weiche gestellt, es handelt sich um eine Produktion, die musikalische Intentionen der Komponisten vermittelt und keinen Augenblick nur Posaunenfreaks mit Artistik bedienen möchte.

Den Reigen der featured Artists eröffnet Ian Bousfield mit dem von Jean-Michel Defaye 1980 komponierten Fluctuations. Ein Stück, das auch nach 36 Jahren noch hochaktuell und geradezu modern wirkt. Es ist in seiner Anlage atemberaubend vital, und so wird es auch musiziert. Ein solch ausgewogenes Zusammenspiel von Solist, Bläsern und Percussion auch in extremer Dynamik habe ich schon sehr lange nicht mehr gehört. Eine Meisterleistung aller Beteiligten – auch der Aufnahmetechniker.

Niry Fide Xemy von Nicola Ferro (*1974) von 2013, ist das zweite neue Werk in Ersteinspielung auf diese CD. In seiner Dreigliedrigkeit einerseits an die Tradition des Konzert anknüpft, aber durch die Stilistik aus Klassik, Rock, Pop, Jazz und ihrem weltanschaulichem Anspruch eine Komposition unserer Zeit ist. Massimo La Rosa zeichnet sich bei der Interpretation als ein unglaublich ausdrucksstarker Interpret aus, der es mit The Bone Society gemeinsam versteht, den Zuhörer mit Spannung und Facettenreichtum in den Bann zu ziehen.

Mit The Tempest Concerto von James Stephenson (*1969) nach Shakespeares „seltsame und feierliche Tänze“ kann man ein Werk hören, das Dank der intensiven Zusammenarbeit zwischen Ensemble, Komponist und Joseph Alessi von allen alles fordert. Ein Musterbeispiel für ein Joe Alessi-Stück: virtuos, makellos, brillant. Wären da nicht die Solisten der The Bone Society, die mit ihrer Begleitkunst eine weitere Dimension der Vielfalt eröffnen.

Bei dieser Produktion zählen ja bereits die Stücke aus dem letzten Jahrhundert zu den Klassikern.
So auch das Concertino for Bass Trombone von Eric Ewazen von 1997, dass schon dem Kernrepertoire für Bassposaune zuzuordnen ist. Obwohl es oft und gern gespielt wird, erreicht es auf dieser CD durch Stephan Schulz mit The Bone Society eine Neubewertung. Klanglich perfekt und ohne alleinige Dominanz des Solisten, erklingt das Werk in einer Ausgewogenheit, in der man die Schlüssigkeit der gesamten Komposition erleben kann. Es kling transparent und klar in allen Ebenen, ohne das in anderen Besetzungen übliche reine Baden im oftmals halligen Wohlklang. Bei mir kam unwillkürlich der Gedanke auf, genau so muss wohl dieser Ewazen musiziert werden!

Pietro Mascagni kommt auf dieser CD die Rolle des ältesten Komponisten zu. Dennoch war sein Werk „Cavalleria rusticana“ für die Musikwelt bisher noch zu jung oder aus der Mode, um neu und entschlackt auf die Bühne gebracht zu werden. Doch statt des erwarteten „Verismo-Sixties-Weichspül-Sounds“ überrascht hier eine neue Lesart. Klar und emotional wirkend, aber an keiner Stelle unterkühlt erscheint Preludio e Siciliana in einem angenehmen Licht. Das sonst übliche Zuviel an Süße verschwindet zugunsten von Ausdruck und cantablem Wohlklang. Exzellent.

Noch ein Satz zur Aufnahmetechnik: Die CD ist in Auro-3D aufgenommen. Das wirkt sich auch dahingehend aus, dass die Bläser räumlich im Klangpanorama gut verortet werden können, auch Stereo. Die Stimmen sind klar und auch im Gesamtklang gut zu verfolgen. Die gesamte Produktion kommt mit einem Minimum an Hall aus. Ja es erscheint, als hätten die Produzenten sich auf den sehr angenehmen Raumklang verlassen. Das sorgt beim ersten Hören für Irritation, denn das Signal ist Stereo leiser als erwartet. Für ein optimales Klangerlebnis habe ich den Pegel etwas nach oben korrigieren müssen. Dann war es klar: dies ist in jeder Beziehung eine außergewöhnliche gelungene CD, die einen auch als Hörer fordert. Bitte mehr davon.

(Zu beziehen über www.thebonesociety.be  und über Apple iTunes.)


 
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